Die Reise nach Istanbul

Der Essay ist im Caritas-Sozialalamanach erschienen.

 

1938 erhielt ein türkisches Mädchen vom Land die Gelegenheit, eine höhere Schule in Istanbul zu besuchen. Das war damals höchst ungewöhnlich für ein Mädchen und der Initiative eines engagierten Lehrers zu verdanken. So reiste das Mädchen im Zug nach Istanbul, um mit anderen türkischen Mädchen die Schule zu besuchen. Die spätere Enkelin, die türkisch-amerikanische Soziologin Zeynep Tufekci, schildert die Erlebnisse ihrer Grossmutter in ihrem Buch «Twitter and Tear Gas – The Power and Fragility of Networked Protest». Die talentierten Mädchen hatten viel Freude am Lernen. Nur in einem Fach bekundeten alle Mädchen Mühe: in Türkisch. Der Grund dafür war einer, den wir uns heute kaum mehr vorstellen können: Zum Zeitpunkt des Übergangs vom Ottomanischem Reich zur Moderne war das Standardtürkisch mit klarer Grammatik noch nicht überall verbreitet. Erst in den folgenden Jahrzehnten sollte sich der für das Schulwesen verbindlich erklärte und von den Massenmedien verwendete Istanbuler Dialekt als Standardsprache durchsetzen.

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Die Erfindung der Nation

Auch im Herzen Europas ist es noch gar nicht so lange her, dass Länder keine einheitliche Standardsprache hatten. Die Menschen waren in ihrem Dorf oder ihrer Stadt verwurzelt und reisten wenig. In Italien setzte sich im 19. Jahrhundert der florentinische Dialekt durch, in Frankreich – wen wundert’s – jener von Paris. Der Nationalstaat als kulturelle und Wertegemeinschaft ist nicht so alt, wie es uns heute vielleicht erscheint. Der amerikanische Politikwissenschaftler Benedict Anderson charakterisiert in seinem Buch «Die Erfindung der Nation». Nationen als «vorgestellte Gemeinschaften» («imagined communities») mit gemeinsamen Werten. „Vorgestellt“, weil in den Köpfen eine Gemeinschaft existiert, obwohl man die Mitglieder der Gemeinschaft gar nicht kennt. Drei historische Voraussetzungen ermöglichten nach Anderson die Entstehung eines Nationalbewusstseins: Erstens nahm die Bedeutung von Religionsgemeinschaften ab, die verschiedene Ethnien unter einem Dach versammelten. Zweitens verschwanden die absolutistischen Monarchien, deren Herrschaft quasireligiös legitimiert war. Drittens brach das Korsett des vorbestimmten Daseins auf, Lebensentwürfe wurden als gestaltbar und offen empfunden. Laut Anderson trug das Aufkommen der Medien, Bücher und Zeitungen wesentlich dazu bei, den Vorstellungsraum und das Gemeinschaftsgefühl über den privaten Bereich hinaus  für gesellschaftliche Belange zu stärken.

«Der europäische Nationalstaat, der das Erbe des Absolutismus antrat, beruht auf der Dreieinigkeit von Volk, Territorium und Staat», schrieb 1963 Hannah Arendt in einem Referat zum Thema Nationalismus. Zu seinen Voraussetzungen gehöre nach französischer Tradition laut Arendt ein mit einem bestimmten Volk verbundenes Territorium; wer anderer Abstammung sei, müsse entweder assimiliert oder ausgestossen werden.

 

Macht und Privilegien

Der moderne europäische Nationalstaat hat diese Homogenität aber verloren. Durch Zuwanderung haben sich die Länder verändert, die Globalisierung lässt nationale Unterschiede verschwinden. Die Shoppingmeilen der europäischen Metropolen haben die gleichen Läden, das gleiche multikulturelle Essen. Die Städte wurden pluralistisch und kosmopolitisch, ein Teil ihrer Bewohnerinnen und Bewohner sind international mobil und vernetzt. Genau das löst auch Konflikte aus: eine Art Backlash, eine Abwehr und eine Sehnsucht nach vergangenen Zeiten und der verlorenen nationalen Identität. Dies kann eine Rückbesinnung auf eigene Traditionen, aber auch wachsende Fremdenfeindlichkeit auslösen. Beides ist aber nicht zwingend miteinander verbunden.

«Das dialektische Verhältnis zwischen Globalisierung, nationaler Identität und Fremdenfeindlichkeit zeigt sich eindrucksvoll in einer öffentlichen Aktivität, die alle drei verbindet: dem Fussball», meint der englische Historiker Eric Hobsbawn. Der Fussball bedient gleich zwei Gruppenidentitäten: die lokale über den Verein und die nationale über die Nationalmannschaft. Gleichzeitig ist Fussball zu einer hochglobalisierten, kapitalistischen Angelegenheit geworden: Längst prägen nicht mehr nur lokale Nachwuchsspieler den Verein, sondern auch Ausländer aus aller Welt. In der Schweizer Nationalmannschaft spielen nicht mehr nur «Bioschweizer», wie eine rechte Journalistin an einer Pressekonferenz zum Moscheen-Mord Schweizer ohne Migrationshintergrund genannt hat. Das führt zu Widersprüchen zwischen den ökonomischen Bedürfnissen der Klubs und der Funktion der Nationalmannschaft als Stifterin von Nationalgefühl. Der Stolz auf die multikulturelle Mannschaft bewirkt indes kaum mehr Alltagsoffenheit anderen Kulturen gegenüber. Wenn die Spieler mit Migrationshintergrund Tore schiessen, gehören sie dazu; schiessen sie keine, sind sie keine «echten» Schweizer. «Die sich akzentuierende Fremdenfeindlichkeit ist auch Ausdruck einer Krise einer kulturell definierten Identität in Nationalstaaten, in denen Bildung und Medien für alle zugänglich sind und in denen die Politik einer exklusiven kollektiven Identität – sei sie ethnisch, religiös, geschlechtsspezifisch oder über den Lebensstil begründet – bemüht ist, in einer zunehmend anonym gewordenen ‹Gesellschaft› auf künstliche Weise wieder eine ‹Gemeinschaft› herzustellen», so Hobsbawn weiter.

In den 1990er-Jahren wurde Europa durch die brutalen Kriege in Ex-Jugoslawien erschüttert. Ethnisch motivierte Gewalt schien längst überwunden, brach aber auf dem Balkan und in gewissen Ländern der ehemaligen Sowjetunion wieder aus. Der Politologe Roger Peterson, der ethnische Konflikte untersuchte, erkannte den Grund für die Konflikte darin, dass eine Gruppe ihre angestammten Privilegien verloren und eine andere Gruppe zusätzliche Privilegien erhalten hatte. Das Aufgeben von Macht und Einfluss fällt, was kaum verwundert, schwer. In Verbindung mit dem Versagen der staatlichen Strukturen kann dies zu Gewalt und Krieg führen. Ein starker, gut funktionierender Staat löst einen solchen Konflikt nicht mit Gewalt, sondern mit Gesetzen. Die Reaktion eines Teils der Bevölkerung auf Immigration ist auch vor diesem Hintergrund zu sehen: Die Zuwanderung von Fremden wird als Bedrohung des eigenen Status und angestammter Privilegien wahrgenommen. Die Wahl rechtsnationalistischer und ausländerfeindlicher Parteien lässt sich somit als zivilisierte Form fremdenfeindlicher Ressentiments lesen.

Eine verbreitete These lautet, dass Solidarität und damit auch Sozialstaatlichkeit nur in ethnisch homogenen Nationen funktioniere. Darum habe Skandinavien einen ausgeprägten Sozialstaat und die USA nicht, weil man staatliche Hilfe und Sicherheit nur jenen gönne, mit denen man sich verwandt fühle. Die zunehmende ethnische Diversität bedrohe den Sozialstaat europäischer Prägung. Diese These ist empirisch nur beschränkt bewiesen, erfährt aber zunehmende Beliebtheit bei der politischen Rechten. Man kann nicht beides haben, heisst es dann: entweder multikulturelle Gesellschaft oder Sozialstaat. Der Umkehrschluss als roter Faden, den die Rechtsnationalisten in Europa verbindet, unabhängig davon, ob sie ein soziales oder neoliberales Wirtschaftsprogramm vertreten, lautet: Sozialstaat ja, aber nur für die «Richtigen» – was meint: die «eigenen». Didier Eribon hat in seinem Buch «Rückkehr nach Reims»  ausgeführt, wie es Rechtsnationalisten gelungen ist, die durch den jeweiligen Status geprägten «Klassenidentitäten»  durch eine nationale Identität zu ersetzen und damit den Klassenkampf zwischen «oben» und «unten» durch einen zwischen «innen» und «aussen».

 

Der faule Grieche und die schwäbische Hausfrau

Demokratie braucht Grenzen und Souveränität, also das Recht, über sich selber zu bestimmen, wie die Politologin Wendy Brown schreibt, sonst ist sie politisch sinnlos: «Damit das Volk sich selber regieren kann, braucht es ein identifizierbares Kollektiv und Grenzen, innerhalb deren das Teilen von Macht organisiert und wo Recht durchgesetzt wird.» Die Grenzen werden aber in einer zunehmend globalisierten Welt auf mehr als eine Weise überschritten. Sie verlieren an Einfluss, sie verschwimmen.

Der Konflikt zwischen nationalstaatlicher Demokratie und globalisierter Wirtschaft bleibt eines der grössten ungelösten Probleme des 21. Jahrhundert. Multinationale Abkommen widersprechen teilweise nationalem Recht: Der Einfluss der nationalen Politik wird zunehmend beschränkt.   Solange diese Frage ungelöst bleibt, rufen wir, um es mit Jürgen Habermas zu sagen «jener gebremsten Alarmismus aufgeklärter Ratlosigkeit hervor, den wir in unseren politischen Arenen beobachten. Die lähmende Aussicht, dass sich die nationale Politik in Zukunft auf das mehr oder weniger intelligente Management einer erzwungenen Anpassung an Imperative der ‹Standortsicherung› reduziert, entzieht den politischen Auseinandersetzungen den letzten Rest an Substanz.»

Die Austeritätskrise rund um Griechenland hat dies eindrücklich vorgeführt. Die griechische «Syriza» war angetreten, um gegen die von Europa geforderte Austeritätspolitik zu kämpfen. Doch bald mussten auch Alexis Tsipras und Yanis Varoufakis merken, dass der nationale Spielraum beschränkt ist in der Europäischen Union, zumal wenn man bei ihr in der Kreide steht. Die Ablehnung der Austeritätsmassnahmen durch das griechische Volk bedeutete einen kurzen politischen Triumph für Syriza, aber keine reale Veränderung, keine Erleichterung. Der Gegenspieler der zwei Politrebellen, Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble, pflegte mit Überzeugung  das Bild der tugendhaften schwäbischen Hausfrau: Man kann halt kein Geld ausgeben, das man nicht hat. Aber hätte er denn anders handeln können? Könnte er als deutscher Politiker den Deutschen erklären, dass sie in die „faulen Griechen“ investieren müssten, just zu einer Zeit, als Deutschland endlich wieder aus der Phase von Lohnverzicht und «Gürtel enger schnallen» herauskam? Wie kann supranationale Politik funktionieren, wenn sie den nationalen Interessen widerspricht?

Nationalismus ist – auch wenn er uns vielleicht zuweilen archaisch erscheint – ein Phänomen der Moderne und damit auch ein Kind der Aufklärung und der Rationalität. Die Nation ist, selbst in unseren postmodernen Zeiten, immer noch Teil unserer «vorgestellten Gemeinschaft», sie prägt unsere Identität, sie ermöglicht Solidarität und Demokratie. Wer die negativen Begleiterscheinungen des Nationalismus, ob Fremdenfeindlichkeit, Egoismus oder Gewalt, bekämpfen will, kommt an diesen drei Werten nicht vorbei.

 

«It’s the identity, stupid»

In den amerikanischen und französischen Wahlen sind sie zu Tausenden erschienen: Porträts von Wählern und Wählerinnen, die den Front National wählten oder Trump. Auch wenn es die Franzosen und Amerikaner wohl heftig verneinen würden, war eine Gemeinsamkeit doch augenfällig: Die weisse Arbeiterklasse hüben und drüben fühlten sich von den Linken (den Demokraten) im Stich gelassen, von den kosmopolitischen urbanen Eliten verschmäht. Die Opfer der Deindustrialisierung und Globalisierung sind die Wählerinnen und Wähler der Rechtsnationalisten. Diese Analyse ist allerdings nur zur Hälfte richtig.

Zum einen kann man davon ausgehen, dass die Leute wussten, was sie taten. «Es ist verlockend zu sagen, dass das Ergebnis des Referendums ein Protest gegen Exklusion und Armut war», meinte der britische Soziologie David Hirsch zum Brexit. «Die Gefahr ist aber, dass man hier unbeabsichtigt diese Wähler für unmündig erklärt, denn sie haben sich dazu entschlossen, gegen die EU zu stimmen, und viele von ihnen haben es getan, um die Immigration zu stoppen.» Sehr ähnlich verhielt es sich bei den Wählerinnen und Wählern von  Trump: Wer Ungleichheit ein wichtiges Thema fand, wählte gerade nicht Trump, wer Immigration als grosses Problem ansah, aber schon. Zum Zweiten: Seit dem Erstarken der Rechtsnationalisten (und das ist schon länger der Fall) erhalten deren Wähler und Wählerinnen am meisten mediale Aufmerksamkeit, am wenigsten die politisch und ökonomisch marginalisierten Gruppen wie Migrantinnen und Migranten.

Nach den amerikanischen Wahlen erschien in der «New York Times» ein Essay des einflussreichen Politologen Mark Lilla, der für eine Abkehr von der «Identitätspolitik» plädierte. Emanzipatorische Fragen, Diversität, Kampf gegen Rassismus und Sexismus sollten in den Hintergrund und die soziale Frage wieder ins Zentrum treten. Wer aber Nationalismus nur mit Wirtschaftspolitik zu bekämpfen versucht, hat das kulturell-identitäre Element des Nationalismus nicht verstanden.

Der Rechtsnationalismus und der Rechtspopulismus sind eben gerade auch als Reaktion auf zunehmend pluralistische Gesellschaften entstanden. Sie kämpfen nicht nur gegen ethnische Vielfalt, sondern auch gegen die Vielfalt der Lebensformen. Rechtspopulistische Parteien sind oft explizit antifeministisch, ausser wenn es sich um den Islam handelt. Da es heute verpönt ist, sich offen rassistisch, sexistisch oder homophob zu gebärden, wird als Stellvertreterkonflikt gerne eine Debatte über die Political Correctness ausgetragen. Dieser – ursprünglich selbstironisch verwendete – Begriff ist heute ein Synonym für Antidiskriminierungsbemühungen wie auch den (oft von rechter Seite geführten) Kampf gegen die Einschränkung der Meinungsfreiheit. Wie vieles im Internetzeitalter ist auch die ganze Diskussion rund um die Political Correctness ein Amalgam aus Halbwahrheiten und erfundenen Anekdoten, die den Eindruck erwecken, als seien einige liberale Zeloten gegen den gesunden Menschenverstand am Werk.

Nichtsdestotrotz kann man davon ausgehen, dass es sich letztlich um Rückzugsgefechte handelt. Selbst die Konservativen wollen wohl nicht mehr in die Zeit vor 1968 zurück. Die Vielfalt der Lebensformen und die Selbstbestimmung über den eigenen Lebensentwurf sind auch für sie selbstverständlich geworden. Ein Beleg für die wachsende Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Beziehungen selbst in konservativen Kreisen war die über 80 Prozent Nein der Zürcher Stimmbevölkerung zur EDU-Initiative „Schutz der Ehe“, die im November 2016 zur Abstimmung kam. Die Initiative wollte gleichgeschlechtliche Ehen verbieten.  . Die multikulturelle Gesellschaft ist längst Realität, gerade in den Städten. Immer mehr Menschen haben einen Migrationshintergrund oder leben in einer binationalen Beziehung. Vielfalt wird immer normaler und setzt sich zusehends als positive Identität durch.

 

Solidarität im digitalen Zeitalter

Die bisherigen Errungenschaften der Globalisierung sind zwiespältig. Sie hat auf der einen Seite die globale Ungleichheit verringert und die Lebensbedingungen in einigen armen Ländern verbessert. Auf der anderen Seite hat sie laut dem amerikanischen Ökonomen Branko Milanovic die Ungleichheit innerhalb der Länder des Westens verstärkt. Allerdings ist dafür neben der Globalisierung auch die Politik verantwortlich.

Der ideologische Siegeszug des Neoliberalismus hat viele Ursachen: Das eindeutige Versagen der kommunistischen Systemalternative liess den Kapitalismus als alleinigen Sieger zurück. „Es gibt keine Alternative“, pflegte die engländische Premierministerin Margret Thatcher zu sagen. Aber auch die gezähmten Varianten des Kapitalismus wurden in den 1970er-Jahren in Frage gestellt: Ölkrise, verstärkte Arbeitslosigkeit, Inflation, all dies stellte damals einen Abgesang auf die «dreissig glorreichen Jahre» der Nachkriegszeit dar – und damit auch auf den Glauben an die wirtschaftspolitischen Rezepte der sozialen Marktwirtschaft in Frage. Die Krisenursachen waren vielschichtig, auch der technologische Wandel und der Wandel der Wirtschaftsstruktur trugen dazu bei. Heute stehen wir unter dem Stichwort «Digitalisierung» vor ähnlichen Herausforderungen.

Der Sozialstaat ist seither unter doppelten Druck geraten: Zum einen wird er politisch angegriffen. In einer zunehmend individualisierten Gesellschaft sind systemische oder strukturelle Fragen zunehmend verpönt: Der flexibilisierte Mensch, der «Unternehmer des eigenen Ichs», wie Michel Foucault bereits in den 1970er-Jahren aufzeigte, ist allein seines Unglücks Schmid und verdient daher auch nur wenig Hilfe. Zum anderen ging dies einher mit einem Angriff auf den Kern des Sozialstaates – den Universalismus. Ähnliches lässt sich auch bei den Menschenrechten beobachten.

Dass der Sozialstaat grundsätzlich für alle da ist und auch von allen solidarisch getragen wird, unterscheidet ihn von der Armenfürsorge und der Wohltätigkeit.[13]Dieses Prinzip wird immer mehr in Frage gestellt: Sollen dessen Leistungen nicht nur den Bedürftigsten zukommen? Haben jene, die sie erhalten, sie auch wirklich verdient? Sind es die Richtigen? Je länger diese Diskussion anhält, je mehr angebliche und wirkliche Missbräuche ausgeschlachtet werden, desto mehr erodiert der Sozialstaat als soziales Netz für alle und mutiert  zur Wohltätigkeitsorganisation, die ihre «Gaben» willkürlich verteilt. Der Sozialstaat ist grundsätzlich auf die Bedürfnisse und Anforderungen der Industriegesellschaft ausgerichtet. Er hat weder die Emanzipation der Frauen noch die Veränderungen der Arbeitswelt wirklich nachvollzogen. Reformen blieben meist Flickwerk oder tarnten den Abbau von Leistungen.

Verschiedene Ansätze zu einer – auch offensiveren – Modernisierung des Sozialstaates wurden diskutiert, häufig in Anlehnung an die Modelle der skandinavischen Länder. Dazu gehören die Konzepte „Flexicurity“, die Verbindung eines liberalen Arbeitsmarkt mit einem starken Sozialstaat und „Prädistribution“, das den Sozialstaat in einer präventiven Rolle sieht. Beide sind in einem Teil der Linken in Verruf geraten: Sie gelten als Rezepte des verfehlten dritten Wegs à la Tony Blair oder Gerhard Schröder. Doch eine offensive Sozialpolitik muss auch diese Ansätze prüfen: Denn gerade für die Herausforderungen Gleichstellung und veränderte Arbeitswelt bieten sie Lösungen.  Warum nicht als Ergänzung zur unentgeltlichen Volksschule eine unentgeltliche Kinderbetreuung einführen? Warum nicht die Bezugsdauer der Arbeitslosenversicherung für ältere Arbeitnehmende verlängern, da diese Mühe haben, im Arbeitsmarkt schnell eine neue Stelle zu finden? Braucht es nicht angesichts der Digitalisierung massive Investitionen in die Weiterbildung, in die frühe Förderung von Kindern sowie eine allgemeine Erwerbsversicherung, die die Sozialversicherungen effizienter machen könnte? Gleichzeitig müssten sich die Sozialversicherungen auch auf die künftig zahlreicher werdenden nichtlinearen Arbeitsbiografien ausrichten. Ideen gibt es einige; der wichtigste Schlüssel zum Erfolg ist aber, den Menschen wieder die universelle Natur des Sozialstaates nahezubringen: Das soziale Netz ist – analog der Steuern – um  es mit Oliver Wendell Holmes zu sagen, der Preis, den wir für eine zivilisierte Gesellschaft zahlen.

 

«Take back Control»

Digitalisierung, Finanzkrise, Globalisierung: Vieles, was unser Leben massiv tangiert – fegt wie ein Tsunami, ein Naturerreignis über uns hinweg, wir scheinen machtlos ausgeliefert zu sein. Kein Wunder, war «Take back Control» so ein attraktiver Slogan bei der Brexit-Abstimmung. Der Wunsch nach Selbstbestimmung war neben jenem nach Begrenzung der Zuwanderung wohl das Hauptmotiv für die Annahme des Brexit. Auch für die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative der SVP war das Bedürfnis zentral,  die Zuwanderung wieder selber zu steuern – ein starkes und auch demokratisch motiviertes Argument. Es verlangt das Primat der Politik. Dass der Wirtschaft nicht immer blind vertraut wird, wenn sie sagt, dass der Werkplatz Schweiz bei Annahme oder Ablehnung einer Vorlage untergehe, ist ebenfalls nachvollziehbar: Zu oft hat sie «Wolf» geschrien, obwohl da höchstens ein «Chihuahua» war.

Natürlich waren weder Finanzkrise noch Globalisierung einfach «Naturereignisse»: Das Primat der Politik wurde als Grundsatz niemals in Frage gestellt – es wurde höchstens freiwillig darauf verzichtet. Neoliberale sind keine Anarchisten. Sie wollen aus dem Staat nicht «Gurkensalat» machen, sie haben ihn lediglich für ihre Zwecke optimiert. Aber es gibt die Tendenz, die reale Komplexität nicht zu reduzieren, wie es eigentlich die Aufgabe von Politik und Medien wäre, sondern sie rhetorisch noch zu steigern. Die Abstimmung rund um die Unternehmenssteuerreform 3 ist dafür ein Paradebeispiel. Ziel ist es, Politik im kleinen Kreise zu gestalten, was allerdings nicht immer funktioniert, schon gar nicht in einer direkten Demokratie.

Demokratie ist eben nicht etwas, das man Fachleuten, der Verwaltung oder einer «classe politique» überlassen kann oder sollte. Und sie beschränkt sich längst nicht nur auf das politische Feld, was ihre Praxis nicht einfacher macht. Der Mann ist nicht mehr das Familienoberhaupt, das seinen Untertanen vorschreiben kann, was sie zu tun und zu lassen haben. Autoritäre Familien-, Erziehungs- und Beziehungsmuster sind durch offene Partizipations- und Aushandlungsprozesse ersetzt worden. Das ist anspruchsvoll geworden. Aber dennoch wünscht sich wohl kaum jemand wirklich die alten, autoritätsgläubigen Zeiten zurück: Filme wie «Die göttliche Ordnung» zeigen dies eindrücklich.

Der technologische Fortschritt bietet zudem enorme Chancen zu echten Veränderungen in der letzten noch hierarchisch-konventionell funktionierenden Bastion: der Wirtschaft und der Arbeitswelt. Auch hier bieten sich Möglichkeiten zur Selbst- oder gar Mitbestimmung statt Fremdbestimmung. Natürlich bedroht die Digitalisierung auch viele Arbeitsstellen und Existenzen: Es ist aber Aufgabe der Politik, also von uns allen, dafür zu sorgen, dass die Technologie im Dienste der Menschen steht und nicht umgekehrt. Wie es auch in der Wirtschaft selbstverständlich sein sollte.

 

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Vor 80 Jahren war für Zeynep Tufekcis Grossmutter die Zugfahrt nach Istanbul eine Reise in eine total unbekannte Welt. Ihre Enkelin lebt heute als kosmopolitische Akademikerin in den USA. In weniger als einem Jahrhundert hat sich das Leben der Menschen massiv geändert. Es gibt keinen Grund, warum der Mensch nicht auch die Grenzen des Vorstellbaren verschieben könnte.

 

 

 

 

Literaturhinweise

 

Anderson Benedict: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Ullstein, Berlin, 1998.

Arendt Hannah: Nationalstaat und Demokratie (1963). Aus dem Nachlass, publiziert auf: http://www.hannaharendt.net/index.php/han/article/view/94/154

Beauchamp Zack: White Riot. How racism and Immigration gave us Trump, Brexit, and a whole new kind of politics. 20. Januar 2017, Vox.com: https://www.vox.com/2016/9/19/12933072/far-right-white-riot-trump-brexit

Brown Wendy: We are all Democrats now. In: Agamben Giorgio (Hrsg.): Democracy in what State? Columbia University Press, New York, 2012-

Diamond Patrick: Endgame for the Center Left? Policy Network, 18.01.2017, http://www.policy-network.net/publications/6153/Endgame-for-the-Centre-Left

Hobsbawm Eric: Globalisierung, Demokratie und Terrorismus. DTV, München, 2009.

Lilla Mark: The End of Identity Liberalism. In: New York Times, 18.11.2016, https://www.nytimes.com/2016/11/20/opinion/sunday/the-end-of-identity-liberalism.html?mcubz=1&_r=0

Matteoni Federica: «Kein Protest gegen die Armut.». Interview mit David Hirsch. In: Jungle World, 7.7.2016, http://jungle-world.com/artikel/2016/27/54387.html

Mau Steffen: The future of the Welfare State Consensus. Ethnic Diversity and Welfare State Solidarity in Europe. Paper for AGF Midterm Conference, Universität Bremen, 2007.

Milanovic Branko: Global Inequality. A New Approach for the Age of Globalization. Harvard University Press, Cambridge, 2016.

Mirkowski Philip: Never Let a Serious Crisis go to Waste. How Neoliberalism Survived the Financial Meltdown. Verso, London, 2013.

Moller Mulvad Andreas, Moller Stahl Rune: What makes Scandinavia different? In: Jacobin Magazine, 8.4.2015, https://www.jacobinmag.com/2015/08/national-review-williamson-bernie-sanders-sweden/

Peterson Roger: Understanding Ethnic Violence. Cambridge University Press, New York, 2002.

Tufekci Zeynep: Twitter and Tear Gas. The Power and Fragility of Networked Protest. Yale University Press, New Haven, 2017.

 

 

 

 

 

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