Mehr Schlendrian

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In verschiedenen Artikeln wurde geschrieben, dass Sanna Marin, die neue finnische Premierministerin, in Finnland eine Vier-Tage-Woche einführen wolle. Diese Artikel wurden in den sozialen Medien fleissig geteilt. Nur stimmt die Nachricht nicht. Die finnische Regierung hat dazu sogar eine offizielle Stellungnahme in den sozialen Medien abgegeben. Die Vier-Tage-Woche sei nicht Teil der Agenda der neuen Administration. 

 

Wie ist es zu dieser Geschichte gekommen? Sanna Marin hat letztes Jahr auf einem Podium diese Idee vertreten. Laut der ‹Helsinki Times› soll sie dort gesagt haben: «Eine vier-Tage-Woche, ein Sechstundentag. Warum kann dies nicht der nächste Schritt sein? Ist der Achtstundentag wirklich die einzige Wahrheit? Ich glaube, die Menschen haben es verdient, mehr Zeit mit ihrer Familie, ihren Liebsten, ihren Hobbies und anderen Interessen wie etwa Kultur verbringen zu können.» Diese Aussage und Idee sei, laut Sanna Marins Büro, eine mögliche langfristige Vision für die Sozialdemokratische Partei. Dass aus einer Idee plötzlich eine geplante Einführung wird, wirft kein gutes Licht auf die Medien. Dass die Artikel oft geteilt wurden in den sozialen Medien zeigt: Die Arbeitszeitverkürzung – keine neue Idee – spricht ein offenbar verbreitetes Bedürfnis an.

 

Ist denn der Acht-Stunden-Tag wirklich ein Naturgesetz? Eine Notwendigkeit? Eine Vollzeit erwerbstätige Person arbeitet in der Schweiz im Schnitt 42,5 Stunden pro Woche. Damit ist die Schweiz europaweit vor Island an der Spitze, wie eine Auswertung des ‹Tages-Anzeigers› aufgrund von Daten von Eurostat aufzeigte. Wir SchweizerInnen sind also richtige Arbeitstiere! Nun ja, nicht ganz. Denn hier sind nur die Arbeitsstunden von Vollzeiterwerbenden aufgeführt. Wenn die Arbeitsstunden von allen Erwerbstätigen angeschaut werden, ist plötzlich Griechenland an der Spitze mit 40,6 Stunden, die Schweiz auf Platz 24 mit 35,8 Stunden. Noch hinter Frankreich. Der Grund: Die relativ hohe Teilzeitquote in der Schweiz. Der Acht-Stunden-Tag bzw. die 40- oder 42-Stunden-Woche sind also weder Naturgesetz noch zwingend Realität. Auch das ein Grund, die Frage der Arbeitszeitverkürzung mal wieder ernsthaft zu diskutieren.

 

Verschiedene Unternehmen haben schon entsprechende Experimente durchgeführt, auch in einem schwedischen Altersheim wurde der Sechs-Stunden-Tag schon erprobt. Die Resultate sind eigentlich einhellig: Die Arbeitnehmenden werden produktiver, gesünder und auch zufriedener. Trotzdem haben die meisten Unternehmen und auch das schwedische Altersheim die Experimente wieder abgebrochen. Warum? Die Arbeitszeitverkürzung verursacht eben auch Kosten. Macht eine kürzere Arbeitszeit auch wirklich glücklicher? Die Dänen, bei denen die 37-Stunden-Woche gilt, gehören laut ‹World Happiness Report› der UNO zu den glücklichsten der Welt. Die Franzosen mit ihrer 35-Stunden-Woche sind allerdings auf Platz 23. Die Schweiz ist hinter den nordischen Ländern auf dem fünften Platz. Sowohl in Dänemark wie auch in Frankreich heisst es, dass in der Realität oft mehr gearbeitet wird. Ist die Arbeitszeitverkürzung also gar nicht realistisch machbar? 

 

Mein Mann (Balthasar Glättli) erzählt die Geschichte seiner Politisierung oft so, dass er den Grünen beigetreten ist, weil diese für ein Grundeinkommen und für eine Arbeitszeitverkürzung gewesen sind. Er vertrat als junger Grüner die 21-Stunden-Woche. Dann verweist er gerne auf einen für ihn prägenden Essay in der ‹Zeit› von 1992 mit dem Titel «Mehr Genuss! Mehr Müssiggang! Mehr Schlendrian!» Gabriela Schmid schreibt darin, dass angesichts des Stillstands in der Frage der ökologischen Wende «moralische Selbstvorwürfe und Appelle zur Umkehr Konjunktur» hätten. «Kein Zweifel: Jeder und jede von uns ist durch eine Vielzahl kleiner Eitelkeiten und Bequemlichkeiten tagtäglich an der nahenden ökologischen Katastrophe beteiligt.» Aber – so Schmid – es sei eben nicht die Gier und der Hedonismus, wie viele meinten, die die Wurzel dieses Übels seien. Im Gegenteil: Der Hedonismus und die Genussfähigkeit sei dem Menschen mit der protestantischen Ethik ausgetrieben worden. Der Kapitalist zeichnet sich laut dem Soziologen Max Weber, der die Idee der protestantischen Ethik prägte, eben gerade nicht durch Masslosigkeit, sondern durch eine gewisse Askese aus. Diese musste man laut Schmid dem Arbeiter anerziehen: «Als Arbeiter musste der ‹neue Mensch› lernen, mehr und intensiver zu arbeiten und dafür eine Entschädigung in Form eines zunehmenden Konsums von Waren zu akzeptieren.» Das habe er zu Beginn gar nicht gewollt. Für die ökologische Wende und die Abkehr vom entfesselten Kapitalismus bräuchte es, so Schmids Fazit, keine Kultur des Verzichts, sondern eine des Geniessens. Eben: Mehr Genuss, Müssiggang und Schlendrian. Yuval Noah Harari siedelt in seinem Buch «Homo Sapiens» die Abkehr vom Schlendrian und Genuss noch früher an und zwar beim Beginn des Ackerbaus. Als Jäger und Sammler habe Homo Sapiens weniger gearbeitet, besser gegessen und länger gelebt, denn als Viehzüchter oder Getreidebauer. Die Idee der 21-Stunden-Woche geht denn auch auf die Arbeitszeiten der Jäger-und Sammlerkulturen zurück. Wobei ich davon ausgehe, dass diese nicht gemessen wurden.

 

Ich habe mich stets ein wenig lustig gemacht über diesen «mehr Schlendrian»-Wunsch meines Mannes. Denn auch wenn ich nicht glaube, dass ein Politiker sich total konsequent an die eigenen Programme hält, ist sein Arbeitsethos doch näher beim protestantischen Kapitalisten als beim indigenen Jäger und Sammler. Viel Schlendrian sehe ich da leider nicht. Nicht mal zu dänischem Hygge reicht es. 

 

Mein Mann meint ja schliesslich auch immer, er sei gegen den Fortschritt. Wir werden oft gefragt, wo unsere politischen Differenzen liegen. Und die sind eben genau da. Ich bin für den Fortschritt und ich bin auch überzeugt, dass die SP eine Partei des Fortschritts sein muss. Aber der Fortschritt soll dazu dienen, dass wir zufriedener und glücklicher werden. Und das heisst wohl tatsächlich auch mehr Zeit. Für Familie, Freunde, Kultur, Sport und Schlendrian. In den letzten Jahrzehnten wurde die reale und gesetzliche Arbeitszeit immer wieder reduziert. Warum sollte sich diese nicht noch weiter verringern? Der technologische Fortschritt würde es möglich machen. Es ist eine reine Frage des Geldes und des politischen Willens. Ersteres ist vorhanden. Zweiteres wohl noch nicht. Dazu braucht es noch ein bisschen Arbeit. Tja, der Schlendrian muss warten.