Erschienen im P.S.

 

Digitalisierung ist in aller Munde: Wir reden über die Auswirkungen der Digitalisierung auf Arbeit, Wirtschaft, Bildung und die Medien. Wir reden darüber, wie gross die Auswirkungen überhaupt sind. Wir reden über Roboter­steuern und Grundeinkommen. Aber über etwas reden wir fast nicht: Über die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Geschlechter. Natürlich, der Fachkräftemangel. Den müsste man beheben. Vielleicht schon mit den Frauen. Aber konkret etwas dafür tun? Lieber nicht. Schliesslich liegt das halt auch ein wenig in der Natur der Sache. Also der Frauen natürlich. Sie wollen halt nicht. «Sagen Sie mir, was wir tun sollen. Wir haben ALLES probiert», meinte zum Beispiel der Leiter einer berühmten Hochschule auf die Frage nach dem Frauenanteil an ebendieser. Nur findet man auf der Website ebendieser Hochschule schneller den Tierschutzbeauftragten als die Zuständige für Gleichstellung. Da in der Schweiz der Frauenanteil in den Ingenieurs- und Informatikberufen im OECD-Vergleich unterdurchschnittlich ist, könnte man meinen, habe man vielleicht noch nicht alles versucht. Und man könnte vielleicht auch mal schauen, was andere Länder anders machen. Doch die Fachkräfteinitiative des Bundesrats unterstützt lieber Plakatkampagnen, die mangels Erfolg und Nachhaltigkeit bereits wieder eingestellt sind.

 

Der niedrige Frauenanteil in den sogenannten MINT-Berufen ist nur ein Teilaspekt in einer grösseren Diskussion. Auch wenn vieles Spekulation bleibt – wer weiss schon, wie die Welt in dreissig Jahren aussehen wird – so ist klar, dass Digitalisierung und Automatisierung bereits heute einen Effekt haben und noch einen viel weitergehenden Effekt haben werden. Eine Studie des WEF «The Future of Jobs» geht davon aus, dass den Frauen gleich zweierlei Gefahr droht: Sie haben einen höheren Anteil in den Berufen, die von Automatisierung betroffen sein werden, und sie sind in den Berufen, denen die grösste Zukunft vorausgesagt wird, untervertreten. Bedroht seien vor allem Berufe im Büro- und Sekretariatsbereich und im Verkauf. Die Gewinnerberufe sind eben diese Ingenieurs- und Informatikberufe, in denen es (noch) fast keine Frauen betrifft. Die Bilanz unter dem Strich ist negativ, auch wenn man die Berufe in Pflege und Betreuung berücksichtigt, die man als relativ automatisierungssicher ansieht. Auch der KV Schweiz ist im letzten Jahr aufgrund zweier Studien zum Schluss gekommen, dass 100 000 Stellen im KV-Bereich von Automatisierung oder Offshoring (also Auslagerung ins Ausland) betroffen sein könnten. Dies betrifft gerade Menschen in KV-Berufen, die schon etwas älter sind und nur über wenig berufliche Weiterbildung verfügen. Darunter besonders viele Frauen.

Interessanterweise sind es meist nicht diese Berufe, die im Zentrum der politischen Diskussion stehen. Der Ökonom Paul Krugman fragt sich in seiner Kolumne in der ‹NY Times›, ob eigentlich nicht alle Jobs gleich viel wert seien. In den US-Wahlen und in der politischen Diskussion wurde vor allem über Jobs in der Produktion und der Industrie und im Bergbau gesprochen, die bedroht oder verschwunden seien. Während sich Trump brüstete, ein paar Hundert Stellen in einer Klimaanlagefirma gerettet zu haben, die den Produktionsstandort dank einem grossen Steuergeschenk doch nicht nach Mexiko verlagerte, gab der amerikanische Detailhändler ‹Macy’s› bekannt, dass er 68 Läden schliessen und 10 000 Mitarbeitende entlassen werde. In den letzten Jahren sind – insbesondere wegen des Aufkommens des Onlinehandels – tausende von Stellen im Detailhandel verschwunden. Warenhäuser und Shopping Malls gehen zu. Ebenfalls betroffen von einem massiven Stellenverlust waren die Druckereien und in den USA die Lokalmedien. Trotzdem gab es nie einen grossen Aufschrei um den Verlust dieser Stellen. Kein Politiker und keine Politikerin trat an, um diese Stellen zu retten oder wieder zurückzubringen. Warum? Krugmann geht davon aus, dass es damit zu tun hat, dass gerade diese schlecht bezahlten Dienstleistungssektorstellen vor allem von Frauen und Nichtweissen gemacht werden.

Der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft hat die Stellung der Frauen verbessert. Es sind viele Stellen für Frauen im Dienstleistungssektor entstanden. Sie erhielten dadurch Arbeit und eine gewisse finanzielle Selbstständigkeit, was auch ihre gesellschaftliche Stellung verbesserte. Exemplarisch zeigt sich dies im Film «The Full Monty». In diesem Film von 1997 versuchen sich sechs Arbeitslose, die früher im Stahlwerk gearbeitet hatten, als männliche Stripper zum Vergnügen ihrer und der lokalen Frauen, die durch ihre Büro, Pflege- und Verkaufsjobs mittlerweile zu den Familienernährerinnen geworden sind. Droht jetzt mit dem sich ankündigenden digitalen Wandel das Pendel wieder zurückzuschlagen?

Eine etwas optimistischere Sicht verbreitet das Beratungsunternehmen ‹Accenture›. Es hat in einer Studie gemessen, wie die Digitalkompetenz von Männer und Frauen ist. In diesem «Digital Fluency Model» geht es darum, wie gut Menschen mit Computern, Smartphones, dem Internet und anderen technischen Werkzeugen umgehen können. Je kleiner dieser Unterschied sei, desto kleiner sei auch die Ungleichheit am Arbeitsplatz. Zu den Ländern mit den geringsten Unterschieden gehören Spanien, England, Irland und Südkorea. Am anderen Ende der Skala: Japan, Singapur, Frankreich und die Schweiz. Würden aber diese Differenzen angegangen, könne die Digitalisierung zur grossen Chance für die Frauen werden.

Die Kompetenzen kommen aber in der Regel nicht von allein. Sie müssen sich immer neu angeeignet werden. Und gerade hier haben Frauen oft ein Problem: Gerade Frauen in Teilzeitanstellungen und mit Betreuungspflichten bilden sich weniger weiter. Kunststück: Neben Arbeit und Kinder liegt der Kurs am Abend oder am Wochenende oft nicht mehr drin. Gerade bei der Weiterbildung oder Umschulung muss aber angesetzt werden, wenn die Digitalisierung einigermassen sozialverträglich für Frauen und Männer verlaufen soll. Dazu muss die Weiterbildung aber finanzierbar und zeitlich für alle machbar sein. Auch hier würde sich der Blick über den Tellerrand lohnen. Beispielsweise nach Dänemark, das als Vorbild gilt.
Die Techniksoziologin Judy Wajcman schrieb schon 1994: «Jede neue Technologie kann Anlass sein, Geschlechterverhältnisse neu zu verhandeln, Machtverhältnisse, Rollenzuschreibungen, Arbeitsteilung zu hinterfragen.» Der Anlass ist definitiv da. Und sollte jetzt aber auch genutzt werden. Damit Frauen und Technik mehr als nur der Auftakt für ein Witzli werden.

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