Vom Sockel gestürzt

184/331

Im Mai 1997 forderte der damalige SP-Gemeinderat Dominik Schaub, dass die Rudolf-Brun-Brücke in Moses-Ben-Menachem-Brücke umbenannt werden sollte. Der Grund: Rudolf Brun, der erste Bürgermeister Zürichs, sei der Hauptverantwortliche für ein Pogrom gewesen, den «Judenbrand», dem 1349 ein Grossteil der jüdischen Gemeinde zum Opfer fiel.

 

Moses Ben-Menachem war Talmud-Student und Verfasser des «Zürcher Semaks», eines bedeutenden Thora-Kommentars. Der Vorstoss wurde abgelehnt, unter anderem, weil ein historisches Gutachten des Stadtarchivs festhielt, dass historisch nicht klar sei, ob Brun für das Massaker wirklich die Verantwortung trage. Ich erinnere mich an die Geschichte, weil ich damals dachte, dass «Ben-Menachem-Brücke» doch schöner klänge als «Rudolf-Brun-Brücke». Und daran auch immer wieder denke, wenn ich im Tram daran vorbei fahre.

 

Es ist ein älteres Beispiel dafür, dass Geschichte auch in der Gegenwart bewegen kann. Und dass vormals geachtete Männer (es waren nun mal meistens Männer) plötzlich symbolisch und real vom Sockel gestossen werden können, weil die Forschung dunkle Seiten an ihnen entdeckt. Oder weil man die Ideologie, die sie verkörpern, plötzlich ablehnt. So geschehen jüngst bei einer Geschichte des ‹Magazin› über Alfred Escher, der an einer kubanischen Plantage beteiligt gewesen sein soll, die Sklaven gehalten hat. Oder wenn es um die Kontroversen rund um die Denkmäler der Südstaaten geht, um die in den USA gerade massiv gestritten wird. Der Auslöser war, dass die Behörden von Charlottesville demokratisch entschieden hatten, die Statue von Robert E. Lee, dem General der Südstaaten-Armee im amerikanischen Bürgerkrieg, zu entfernen. Das löste eine Demonstration von einigen hundert Personen der äussersten Rechten aus – auch etliche Neonazis waren dabei. Ein Attentäter fuhr mit einem Lieferwagen in die Gegendemonstration, dabei wurden eine junge Frau getötet und etliche Personen verletzt. Präsident Trump – sonst nicht für seine Zurückhaltung bekannt – distanzierte sich nur lauwarm davon,  sprach von Gewalt auf «vielen Seiten». Und davon, dass man die Statuen und die Geschichte bewahren sollte.  Wohlwissend, welche AmerikanerInnen hierbei auf seiner Seite stehen.

 

Der Einwand, diese Statuen seien ein Teil der Geschichte, ist legitim. Es gab und gibt eine Reihe von Statuen von Sklavenhaltern, die kaum jemand je stürzen wollte. Thomas Jefferson beispielsweise, der Vater der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Römische Kaiser. Oder Alfred Escher. Es ist immer auch schwierig, historische Personen an heutigen Massstäben zu messen. Dass Juden, Sklaven und Frauen auch Menschen sind, scheint uns heute selbstverständlich. Doch so alt ist diese Überzeugung nicht.

 

2015 erschoss Dylann Roof neun afroamerikanische Kirchgänger in Charleston. Er hatte vor seiner Tat im Internet ein rassistisches Manifest veröffentlicht und mit der Flagge der Konföderierten posiert. Damit war die Diskussion rund um Symbole der amerikanischen Südstaaten wieder neu eröffnet. Die Nachfahren der Sklaven sind verständlicherweise nur mässig begeistert von den Denkmälern und Symbolen der Sklavenhalter, die für eben dieses Recht, Sklaven zu halten, in den amerikanischen Bürgerkrieg zogen.

 

Dabei muss man auch den Kontext sehen, in dem diese Denkmäler errichtet wurden. Die meisten entstanden zur Zeit der Restauration nach dem Bürgerkrieg, als viele der Fortschritte wieder rückgängig gemacht wurden. Die früheren Sklavenhalter fanden sich zwar damit ab, dass sie keine Sklaven mehr besitzen durften: Die gleichen Rechte wollten sie den befreiten Sklaven aber dennoch nicht zugestehen. Bis in die 1960er Jahre blieb dieses System aus Rassentrennung, massiv eingeschränktem Wahlrecht und Lynchjustiz bestehen. Erst nach massiven Protesten der Bürgerrechtsbewegung, einem Bundesgerichtsentscheid zur Desegration der Schulen und einem neuen Wahlrecht, dass nun auch den Schwarzen im Süden die Wahlrechte garantierte, wurden diese Diskriminierungen aufgehoben. Das neue Wahlrecht, der Civil Rights Act, von Präsident Lyndon B. Johnson, war für die Demokraten ein folgenreicher Entscheid: Sie verloren ihre einstigen Hochburgen in den Südstaaten an die Republikaner. Richard Nixon wird 1968 erstmals davon profitieren. Genau in jener Zeit des Widerstands der Südstaaten gegen diese Bundesentscheide fiel eine weitere Hochblüte der Konföderierten-Denkmäler. Und hier haben wir auch gleich den wesentlichen Unterschied zwischen diesen Denkmälern und jenen von römischen Kaisern, Thomas Jefferson oder Alfred Escher, die ja ebenfalls Sklavenbesitzer waren: Keine dieser Statuen wurde ausschliesslich dazu errichtet,  um Sklaverei zu rechtfertigen oder zu verherrlichen.

 

Einige Rechte wie der Amerikaner Dinesh D’Souza oder der Schweizer Roger Köppel haben geschrieben, gerade General Lee sei die falsche Figur, um diesen Konflikt auszutragen. Schliesslich sei dieser eigentlich gegen die Sklaverei gewesen. Das ist eine doch etwas eigentümliche Interpretation. Dieser schrieb zwar in einem Brief, dass er Sklaverei für ein moralisches Übel halte. Allerdings sei dieses, wie er weiter schrieb, für die weissen Sklavenhalter ein schlimmeres Schicksal als für die Sklaven selbst: «Die Schwarzen sind hier unermesslich besser dran als in Afrika, moralisch, sozial und physisch. Die leidvolle Disziplin, der sie sich hier unterwerfen müssen, ist nützlich für die Weiterentwicklung ihrer Rasse und wird sie, so hoffe ich, auf bessere Zeiten vorbereiten und hinführen. Wie lange ihre Unterwerfung nötig ist, weiß nur und kann nur bestimmt werden durch die weise und gnadenvolle Voraussehung.» Eine kraftvolle Verurteilung der Sklaverei sieht anders aus.

 

Geschichte und Geschichtsschreibung ist immer auch etwas Dynamisches. Widersprüche – wie demjenigen zwischen dem Anspruch der Unabhängigkeitserklärung, dass alle Menschen gleich geschaffen wurden, und dem Sklavenbesitz des Verfassers dieser Zeilen – sollen und müssen thematisiert werden. Es schmälert den Wert des Dokumentes nicht. Nach dem Fall der Mauer wurden Marx-Büsten und Lenin-Statuen entfernt. Ob das auch mit den Statuen der Südstaaten geschehen soll, müssen letztlich die Menschen dort entscheiden. Wichtig ist, dass sie historisch richtig eingeordnet werden.

 

Alfred Escher wird kaum vom Sockel gestürzt. Und auch die Rudolf-Brun-Brücke wird weiterhin so heissen. Das ist in Ordnung. Aber ein klein wenig schöner wäre Ben-Menachem-Brücke dennoch.

 

Min Li Marti