Nicht o.k.

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Vieles erscheint in diesen Tagen wie ein Déja-vu, wie auch die Politikphilosophin Katja Gentinetta in der ‹NZZ am Sonntag› schreibt. Wie im vergangenen Herbst steigen die Fallzahlen, der R-Wert, die ersten Warnungen aus den Spitälern sind zu hören. Was sich auch ähnelt, ist die Debatte: Wieder wird um Freiheit gestritten, um Eigenverantwortung, um Freiwilligkeit. Der Unterschied zum letzten Jahr: die Impfung.

 

Die Impfung ist selbstverständlich kein Wundermittel, aber es zeigt sich, dass sie das Risiko einer Ansteckung und eines schweren Verlaufs minimiert. Dennoch sehen wir in der Schweiz, aber auch anderswo eine verbreitete Skepsis der Impfung gegenüber. Dies ist nicht ein ganz neues Phänomen. Auch in Zusammenhang mit der Impfung gegen Kinderkrankheiten hat es in der Vergangenheit immer wieder Diskussionen gegeben. Mit der niedrigen Impfquote flammt auch wieder die Debatte rund um eine Impfpflicht auf, ebenso heiss diskutiert wird der Anwendungsbereich des Covid-Zertifikats.

 

Ich will hier nicht auch noch über das Wesen der Freiheit philosophieren. Sondern versuchen zu ergründen, was mich selbst umtreibt: Wie lässt sich die Impfquote effektiv erhöhen? Was funktioniert eigentlich? Und was nicht? Oder wie es ein Delegierter an der SVP-Delegiertenversammlung vom vergangenen Samstag formulierte: Könnten wir schwere Krankheiten wie Polio oder Pocken heute überhaupt noch effektiv bekämpfen?

 

Ein Zwang, eine Impfpflicht sei kontraproduktiv, heisst es. In der ‹NZZ am Sonntag› vom Mai 2019 – also noch vor Corona – erschien ein Artikel über die Frage des Impfobligatoriums für Kinderkrankheiten. Ein von der europäischen Union finanziertes Studienprojekt ist zum Schluss gekommen, dass es keinen Zusammenhang gebe zwischen obligatorischer Impfung und Impfraten. In den skandinavischen Ländern sei die Impfquote sehr hoch, obwohl es kein Obligatorium gebe, in Lettland sei die Impfquote trotz Pflicht nicht höher als in den anderen baltischen Staaten, die kein Obligatorium kennten. Informationskampagnen seien effektiver als eine Impfpflicht.

 

Mittlerweile sind wir allerdings in einer Situation, wo die Impfquote gegen Covid wesentlich tiefer liegt als jene bei den Kinderkrankheiten. Die Zahlen sind zwar nach den Ferien wieder angestiegen, aber noch immer ungenügend. Erst 50 Prozent sind zweimal geimpft, 56 Prozent haben eine Impfdose erhalten.

 

In den umliegenden Ländern wird derweil die Zertifikatspflicht ausgedehnt. Davon will die Schweiz noch nichts wissen. Die Ankündigung des französischen Präsidenten Emmanuel Macron zur Ausweitung der Zertifikatspflicht sowie für ein Impfobligatorium für Angestellte im Gesundheitswesen sorgte für Protest, aber auch für rekordhohe Impfanmeldungen. In den fünf Tagen nach seiner Ankündigung meldeten sich 3,5 Millionen Menschen für eine Impfung an. Die Schraube anzuziehen hat also eine Wirkung, aber tatsächlich auch gewisse Nebenwirkungen.

 

Tatsächlich muss die Impfkampagne mit zwei wesentlichen Problemen kämpfen. Zum einen wird die Impfung immer mehr zu einer politischen Frage. Die SVP fährt hier eine doppelte Strategie. Mit ihrem Nein zum Covid-Gesetz, mit ihrem Widerstand gegen das Covid-Zertifikat und dem Wettern gegen eine sogenannte «Impf-Apartheid» (SVP-Nationalrat Marcel Dettling) versucht sie, sich als Partei der ImpfkritikerInnen zu positionieren. Gleichzeitig versucht sie, die Überlastung der Spitäler den AusländerInnen in die Schuhe zu schieben. Tatsächlich gibt es laut ‹NZZ am Sonntag› Hinweise darauf, dass bei den jetzt Hospitalisierten viele FerienrückkehrerInnen mit Migrationshintergrund zu finden sind. Das ändert nichts an der Tatsache, dass unter SVP-WählerInnen die Impfabsicht am geringsten ist. Es ist also davon auszugehen, dass auch jene bald die Spitalbetten füllen könnten. In den USA, wo sich der politische Impfgraben klar zeigt, kann dies derzeit beobachtet werden. Dass diese Strategie erhebliche Risiken hat, musste auch Regierungsrätin Natalie Rickli erleben, als sie von einem Impfgegner angegriffen wurde. 

 

Zum zweiten können sich heute Desinformationskampagnen von ImpfskeptikerInnen dank den sozialen Medien ideal verbreiten. Wer sich von Dr. Google, Professor Youtube oder Pflegerin Facebook informiert, landet schnell bei dubiosen Quellen. Das amerikanische Pendant zur schweizerischen Wissenschafts-Taskforce hat in einer grossen Befragung festgestellt, dass die Impfquoten bei jenen Personen, die sich hauptsächlich über Facebook informieren, signifikant tiefer sind. Sogar tiefer als jene, die sich nur über den rechten TV-Sender Fox informieren. Erschwerend dazu kommt, dass das Vertrauen in Medien oder in Behörden generell abnimmt.

 

Was tun also? Dazu gibt es erstaunlich wenig Berichterstattung. Die internationale Impfallianz Gavi (ja, da ist Bill Gates beteiligt …) meint, dass es vor allem gilt, den Zugang zu erleichtern und Barrieren abzubauen. Zum zweiten sei es nicht zielführend, ImpfgegnerInnen überzeugen zu wollen. Diese würden gerade auf Faktenchecks eher allergisch reagieren. Es sei sinnvoller, allgemein den Informationsstand und die Resilienz gegenüber Falschinformationen zu erhöhen. Wichtig sei auch, Impfung als soziale Norm und als effektives Mittel zur Bekämpfung von Krankheiten darzustellen. Der glaubwürdigste Absender für diese Botschaft sei das Gesundheitspersonal. Zu guter Letzt soll mehr dazu geforscht werden, welche Massnahmen funktionieren.

 

Das klingt alles relativ banal und doch scheint es, dass es bei der schweizerischen Impfkampagne noch Luft nach oben hat. Der Kanton Solothurn hat beispielsweise in elf Gemeinden alle AnwohnerInnen angeschrieben, sie sollen sich zur Impfung anmelden, und dabei gute Rückmeldungen erhalten. Auch klar scheint mir,  dass das Gesundheitspersonal glaubwürdigere BotschafterInnen sind als Bundesbeamte oder PolitikerInnen.

 

Was mir aber vor allem fehlt, ist dass die Impfung als Norm und nicht als Akt der Freiwilligkeit dargestellt wird. Ich bin o.k., du bist o.k., ist nicht die Botschaft, die wir vermitteln sollten, selbst wenn man gegen ein Impfobligatorium ist. Natürlich hat man in einer freien Gesellschaft auch das Recht, sich selbstschädigend zu verhalten. Aber man muss es nicht adeln. Erschwerend hinzu kommt, dass man mit der Nichtimpfung eben nicht nur sich selber schadet, sondern potenziell all jenen, die sich tatsächlich nicht impfen lassen können. Nicht o.k., eben.