Ich bin mit 16 Jahren kurz vor der Konfirmation aus der reformierten Landeskirche ausgetreten. Mir schien es nicht richtig, eine Bekräftigung eines Glaubens abzugeben, den ich nicht habe. Und gerade auch deswegen, weil es im ganzen Konfirmationsunterricht doch einige gab, deren Motivation für die Konfirmation eher bei den Geschenken als beim Glauben zu finden war. Das mochte damals ein bisschen ein revolutionärer Akt gewesen sein, aber heutzutage ist es eher die Norm als die Abweichung. In der Stadt Zürich lag der Bevölkerungsanteil der römisch-katholischen Christen im Jahr 2022 bei 22,6 Prozent. Der Anteil der evangelisch-reformierten Christen lag im selben Jahr bei 17,4 Prozent. Menschen ohne jegliche Religionszugehörigkeit stellten mit einem Anteil von 45,1 Prozent die grösste Gruppe in der Stadt Zürich dar. Konfessionslos zu sein, ist also die Norm und nicht die Abweichung.
Seit ein paar Jahren überlege ich mir manchmal, der Kirche wieder beizutreten. Nicht weil ich zum Glauben gefunden habe, aber weil ich es doch irgendwie schade finde, dass diese Institution dermassen an Bedeutung verloren hat. Und vielleicht wäre es auch ein kleines Bisschen ein Akt der Rebellion, weil es heute dermassen unüblich ist, überhaupt noch Kirchenmitglied zu sein. Ich habe mal gehört, dass sich die Zahl der Kirchenaustritte bei den Reformierten auch gehäuft haben, als die Skandale rund um die Missbräuche in der katholischen Kirche bekannt wurden. Was nun mal schon ein bisschen unfair ist – was können die Reformierten denn für die Verfehlungen der katholischen Kirche.
Es gab im Kanton Zürich zwei Abstimmungen zur Abschaffung der Kirchensteuer für Unternehmen, beziehungsweise für eine Trennung von Kirche und Staat. Beim ersten Mal habe ich überzeugt Ja gestimmt. Beim zweiten Mal etwas zögerlich Nein. Einfach weil ich zum Schluss doch fand, dass es vielleicht auch nicht schlecht ist, wenn auch Unternehmen sich an sozialen Projekten beteiligen, welche die Landeskirchen nun einmal tatsächlich leisten.
Kirchen bieten auch einen Service, der sich zwar säkular ersetzen lässt, was aber nicht immer gleich gut funktioniert. Und zwar über Jahrhunderte eingeübte Rituale wie Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen. Tatsächlich war ich schon an schönen säkularen Beerdigungen, aber auch diese orientierten sich letztlich an den Elementen einer christlichen Feier mit Musik, Lebenslauf und Würdigungen.
Am 21. April starb Papst Franziskus. Als Nicht-Katholikin berührte mich dieses Ereignis wenig, ähnlich wie der Tod der Queen wohl allen Nicht-Britinnen und -Briten kaum sehr nahe ging. Zumal der Papst und die katholische Kirche in etlichen mir durchaus wichtigen politischen Themen wahrlich keine fortschrittlichen Positionen vertritt. Dennoch muss man anerkennen, dass der Papst in sozialen Fragen und bei den Menschenrechten eine nicht unwichtige Stimme war, die nun verstummt ist.
Jonathan Rauch ist ein atheistischer, schwuler Jude und schreibt als Journalist für das Magazin ‹The Atlantic›. Zudem ist er der Autor des Buches «Cross Purposes – Christianitys Broken Bargain with Democracy» (Gegensätzliche Ziele – Der gebrochene Pakt des Christentums mit der Demokratie). Darin vertritt er die für eine Person wie ihn eher ungewöhnliche Ansicht, dass die zunehmende Säkularisierung, die in den USA stattgefunden hat (und die weit weniger fortgeschritten ist als jene in Europa) ein Problem für das Funktionieren der Demokratie sei. Und zwar weil Religion, und damit ist in den USA vornehmlich historisch die christliche zu nennen, eine wichtige Rolle gespielt habe, zur Aufrechterhaltung und Vermittlung demokratischer Werte. Damit meint er nicht jene evangelikalen Gruppen, die, um Macht zu gewinnen, auch nicht vor einem Pakt mit Trump (und wohl auch nicht mit dem Teufel) scheuen, auch wenn dieser eine doch ziemlich unchristliche Figur ist. Der Fundamentalismus habe auch vor allem deshalb Aufwind, weil es kein gemässigteres und funktionierendes Angebot mehr gibt. Die sinkende Bedeutung der Religion führe aber zu Vereinsamung und teilweise gar zu Radikalisierung.
Nun stösst Rauch mit dieser These nur auf wenig Gegenliebe, weder bei den Säkularen noch bei den Religiösen. Bei den ersteren nicht, weil er der Religion eine quasi staatserhaltende Funktion zuschreibt, die Säkulare ja eigentlich bezweifeln. Und letztere weil er als Nicht-Gläubiger den Gläubigen sagt, welche Form des Glaubens eigentlich sinnvoll wäre.
Wo Rauch vielleicht tatsächlich einen Punkt hat, ist dass vielleicht doch einigen das Spirituelle fehlt, Sinn und ein klarer moralischer Kompass, klare Regeln, was gut und böse ist. Ich habe dieses Bedürfnis nur beschränkt. Es ist gerade das konkrete Verbessern dieser Welt, die mich interessiert und nicht jene, die vielleicht einmal kommt. Und die Säkularisierung fällt zusammen mit ähnlichen Tendenzen auf einer ganz unreligiösen Ebene, der Individualisierung und dem Rückgang des zivilen Engagements, des Vereinsleben.
Die Sozialdemokratische Partei hatte früher neben der Politik auch ein ganzes gesellschaftliches Programm zu bieten, von der Bildungsveranstaltung bis zum Turnverein, vom Schützenverein bis zu Chören. Viele davon haben nicht überlebt, das Gesellschaftsleben ist zu vielfältig geworden. Und ich hätte auch durchaus etwas Mühe, die Partei als Ersatzreligion zu betrachten. So fehlt mir grundsätzlich das Dogmatische und meine ganze Freizeit möchte ich bei aller Liebe auch nicht nur mit Genoss:innen verbringen.
Die Sehnsucht nach Zusammengehörigkeit, Solidarität und bei etwas dabei zu sein, das grösser ist als man selbst, ist aber auch in einer säkularen Welt nicht verschwunden. Selbst wenn man kaum Sinn hat für Spirituelles. In diesem Sinn ist auch der erste Mai eine Art Ritual, das auch der Zusammengehörigkeit und der Gemeinsamkeit dient. Auf einen Teil der Rituale im Rahmen des ersten Mais könnte ich auch gut verzichten. Der Anlass selbst hingegen mag ich immer noch. Und selbst auf die Demo freue ich mich, auch wenn ich Demonstrationen eigentlich nicht so mag. Gerade weil es eine Art Klassentreffen der Gleichgesinnten ist.
Ich werde wohl auch weiterhin konfessionslos bleiben. Aber ich bin tatsächlich nicht mehr ganz abgeneigt zu glauben, dass die Landeskirchen eine Art Service public leisten, der insgesamt der Gesellschaft zugutekommt, selbst wenn ich das Angebot nicht in Anspruch nehme. Wir finanzieren auch dümmeres, beziehungsweise ist es das Wesen der Gemeinschaft und der Solidarität, dass sie sich nicht nur noch dem eigenen Nutzen richtet. Und das gälte eigentlich auch für die Politik.