Eigentlich wollte ich ja über etwas anderes schreiben, aber dann hat mich eine Schlagzeile im ‹Tages-Anzeiger› «getriggert», wie man neudeutsch sagen würde: «Vor lauter Reformen und Integration ging vergessen, worum es in der Schule geht: ums Lernen». Das sagt der pensionierte Pädagogikprofessor Carl Bossard, der findet, man müsse wieder zu einem rigideren Unterricht, bei dem man mehr übt. Nun geht es mir nur am Rande um das Interview. Carl Bossard versteht gewiss mehr von Pädagogik als ich, und er mag auch mit der einen oder anderen Aussage nicht falsch liegen.
Es geht mir ums Grundsätzliche. Vor einer Woche hat die Schule im Kanton Zürich wieder gestartet. Und um diesen Schulanfang häufen sich wieder die Artikel rund um die Schule. Der Tenor ist überwiegend negativ. Auch die Politik hat die Schule wieder einmal entdeckt, so fordern FDP und SVP im Einklang die Abschaffung der integrativen Schule. Dabei hat die FDP vergessen, dass sie einst den Schulreformen viel offener gegenübergestanden ist. So wie sie sich offenbar im Gemeinderat gegen zu kurze Mittagspausen bei der Tagesschule wehrt, die sie selbst gefordert hatte. Aber auch darin geht es nur am Rande.
Es geht um den grundsätzlich negativen Tenor der Schule gegenüber. Man könnte, wenn man nur Medien (und Positionspapiere) konsumiert und keine schulpflichtigen Kinder hat, tatsächlich auf die Idee kommen, dass die Schule heute desolat sei, marodierende Kinder den Unterricht verunmöglichen und wegen der vielen fremdsprachigen Kinder sowieso nichts lernen. Kommt dazu, dass sie als Kleinkinder schon immer am Handy waren und deshalb nicht mal mehr spielen könnten. Die Lehrerinnen sind sowieso überfordert, auch wenn sie alle nur Teilzeit arbeiten und immer in den Ferien sind. Und im Übrigen werden die Buben unterdrückt und es wird nur woker Genderwahn (und Klimawahn) gelehrt. Und dann – obwohl sie ja eigentlich nichts gelernt haben und nichts können – gehen erst noch am Schluss alle ins Gymnasium.
Ich weiss, das war jetzt sehr polemisch. Hinter den meisten dieser Artikel stehen reale Probleme, die man auch real lösen müsste und auch zu wenig tut. Die Chancengleichheit ist ein Problem, die Integration von schwierigen Kindern ist anspruchsvoll und die moderne Welt hinterlässt auch bei den Kindern ihre Spuren. Ich glaube auch durchaus, dass der neue Lehrplan vielleicht nicht allen Kindern entgegenkommt. Und wenn ich ehrlich bin, dünkt mich auch, ich hätte nach Ende der ersten Klasse besser gelesen als meine Tochter. Aber: Erstens kann das Gedächtnis trügen und zweitens ist sie nun mal nicht die gleiche Person wie ich. Es gäbe noch viel mehr Probleme, die kundigere Leute als ich besser formulieren könnten.
Statt zu fragen, wie die (integrative) Schule besser werden könnte, wird lieber ein nostalgischer Retrokurs postuliert. Make Schule great again. Damit wird schlicht negiert, dass die Schule in vielen Bereichen auch besser geworden ist. Wenn ich mich an meine Lehrer zurückerinnere bin ich nun wirklich nicht überzeugt davon, dass die Schule früher besser war (meine Erstklasslehrerin ist da die Ausnahme). Der Lehrer in der dritten Klasse pflegte noch den Schlüsselbund nach Kindern zu schmeissen und ich kann mich auch noch erinnern, wie damals Kinder damit gedemütigt wurden, dass sie als Letzte noch auf dem Pult standen, weil sie nicht schnell rechnen konnten. Am Gymnasium gab es beispielsweise den Lehrer, den wir durchaus mochten, weil wir immer in die Mensa gingen oder Filme schauen konnten. Aber wirklich viel gelernt haben wir dabei nicht. Wobei die Schule ja durchaus auch für das Erlernen von sozialen Fähigkeiten da ist.
Und auch das Schulsystem mit seiner rigiden und undurchlässigen Selektion war kaum besser, wo Kinder früh abgestempelt waren und kaum eine Chance hatten, sich später zu verbessern, obwohl man weiss, dass die Entwicklungsgeschwindigkeit von Kindern unterschiedlich ist. Die ganz schlechten Schüler:innen kamen dann in die Sonderschulen, was vielleicht den einen durchaus geholfen hat, den allermeisten aber nicht wirklich. Für die Lehrpersonen mag das vielleicht angenehmer gewesen sein. Für einige Eltern vielleicht auch, denn mein Verdacht ist natürlich schon auch, dass einige Mittelschichts- und Oberschichtseltern eigentlich ganz gerne hätten, wenn ihre Kinder schön unter sich wären. Denn: Auch wenn die integrative Schule abgeschafft würde, wird das auffällige ADHS-Kind mit finanziell und sonst potenten Eltern weiterhin in der Regelklasse bleiben, dafür würden die auf die Schule spezialisierten Anwält:innen schon sorgen.
Ich fände es durchaus wichtig, dass man Schulfragen die nötige Aufmerksamkeit schenkt. Dass man eine fachliche Debatte führt, auf die Lehrpersonen zugeht, aber auch auf die Eltern und die Kinder. Man darf auch nicht vergessen, dass die integrative Schule nicht einfach ein linkes Hirngespinst ist, sondern ein fundamentales Grundrecht umsetzt, nämlich den Zugang zur Bildung für alle zu gewährleisten. Sie ist damit auch ein Kernstück der Behindertenrechtskonvention.
Und natürlich muss man das Ziel verfolgen, die Schule zu verbessern. Die Volksschule ist eine grosse und wichtige Errungenschaft. Sie muss auch in der Bevölkerung verankert und getragen werden, sonst funktioniert sie nicht. Und: Eine schlechte Schule ist vor allem ein Problem für die Schwachen und nicht für die Starken. Gerade auch in finanzieller Hinsicht. Denn die schwache Schülerin aus bildungsnahem Haushalt wird zu Hause und sonst noch im Lernstudio gefördert. Die anderen haben diese Möglichkeit nicht, selbst wenn sie das Potenzial hätten.
Deshalb irritiert mich auch immer wieder, dass das in der Schuldebatte nur wenig thematisiert wird. Wenn auf die fehlende Chancengleichheit hingewiesen wird zum Beispiel bei der Frage, wer ein Gymnasium besucht, sagen Bürgerliche oft, es gäbe ja ein duales Bildungssystem und es müsse ja nicht jeder ins Gymnasium. Das stimmt schon, nur sind es denn die Richtigen? Oder vor allem die eigenen Kinder? Die ja auch nie stören, das sind immer die anderen. Und wenn man schon gerne das duale Bildungssystem lobt, warum will man dann nicht die Bedingungen für die Lernenden verbessern? Zum Beispiel mit mehr Ferien? Mein Verdacht bleibt halt der, dass man trotz allem nicht unglücklich ist mit einem System, das sich selber reproduziert. Und Poltern statt Problemlösen ist halt sehr verlockend, gerade in der Politik.
Zum Schluss noch dies: Ich danke allen Lehrpersonen, Hortner:innen, Schulleiter:innen, Heilpädagog:innen und Hortner:innen und allen weiteren Beteiligten für ihre grosse und wichtige Arbeit. Das musste auch noch mal gesagt werden.