Gesuchter Kulturkampf

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«Sind die Linken selber schuld?» Mit diesem Titel sorgte die ‹Zeit› diese Woche für Aufregung. Sind sie also selber schuld? Was denken Sie? Natürlich schon. Und warum? Sie haben es erraten: Wokeness und Cancel Culture. Die Schuld und Schwäche der Linken war also das Thema im ‹Zeit›-Feuilleton mit mehr oder minder gehaltvollen Beiträgen von Eva Illouz bis Iris Berben. Auftakt dieses Schwerpunkts war eine Art Leitartikel von Jens Jessen, der die These, wonach die Linke schuld ist am Aufstieg der Rechten auf zwei Seiten ausführte. Denn die Linke schliesst Menschen aus: «Obwohl die AfD mit Einschüchterung nicht spart, verfährt sie doch im Umgang mit zaudernden Bürgern der Mitte nach der Devise: Auch wenn ihr uns heute noch nicht wählt, seid ihr doch mit dem Herzen bei uns. Ganz anders die Linke. Sie geht davon aus, dass jenseits von ihr gar keine anständigen Menschen mehr existieren.» Und noch schlimmer: Die Linke schliesst nicht nur Menschen aus, sie greift die Mehrheit an: «Rechtsextreme Attentate richten sich gegen Migranten, Homosexuelle, Juden – also gegen Minderheiten. Linksextreme Attentate richten sich gegen die Mehrheit – durch Anschläge auf Stromtrassen, auf die Bahn, auf parkende Autos, durch die ‹Klimakleber› auch auf den Strassenverkehr.» Am Schlimmsten innerhalb der Linken sind aber natürlich die Grünen: «Bei Teilen der deutschen Grünen kommt noch etwas anderes hinzu: Selbst wenn man ihre Politik in gewissen Punkten richtig findet, etwa die Klimapolitik unterstützen wollte, könnte man sich ihnen nicht einfach so anschliessen, wie man der CDU beitreten könnte, weil man viele, obgleich nicht alle Ziele teilt. Vielmehr gerät man in eine Weltanschauungsgemeinschaft, der man nach Sprach- und Lebensstil, nach Kleidung und Alltagsgewohnheiten genügen muss. Nicht grillen! Nichts aus Leder tragen, keinen ‹überzüchteten› Rassehund, sondern einen Mischling halten, muslimischen Familiensitten keine Frauenverachtung vorwerfen, sondern nur dem ‹weissen› Mann. Kinder sollten im Wickeltuch am Leib getragen werden, vorzugsweise vom Vater. Ein Waldorfkindergarten wird empfohlen.»

Puh. Ich könnte dazu einiges sagen, aber der Artikel  wurde in der ‹Zeit› selbst schon von einem anderen Autor treffend zerlegt. Christian Bangel fragt sich, wen Jessen mit der Linken überhaupt meint: «Geht es um die Parteien und ihre Mitglieder, oder ist die militante Linke gemeint? Oder schreibt Jessen einfach über jenes gefühlt linksgrüne Grossstadtmilieu, an dem sich der ‹Welt›-Herausgeber Ulf Poschardt abarbeitet?» Sprich: Da würden vor allem Klischees aufgezählt, die wenig mit realen Menschen zu tun haben. Man könne zudem weder Linken, Grünen noch der SPD vorwerfen, sie seien zu radikal. Im Gegenteil: «Die linken Parteien im Bundestag und den Landesparlamenten sind staatstragend, kompromissbereit und weitgehend sachorientiert. Das muss man übrigens nicht gut finden (…).» Die Grünen hätten beispielsweise in der Asyl- und Migrationspolitik unter Robert Habeck eine Annäherung an die Mitte gesucht und dabei vor Härte nicht zurückgeschreckt. Die SPD regiert gerade mit der CDU und trägt deren Kurs in der Asylpolitik mit für eine kleine Reform der Schuldenbremse. Die ganzen Klischees über irre Woke, die nicht nur in diesem, sondern in vielen anderen Texten verbreitet würden, seien nicht nur ein Ärgernis, sondern eine Strategie, die die AfD seit Langem fährt: «Sie will die Gegensätze zwischen Union und den linken Parteien durch fortgesetzten Kulturkampf zunehmend unüberbrückbar machen, indem sie die Linken als monolithischen Block der autoritären Ideologen beschreibt. Bis sich ein Zusammengehen von AfD und Union irgendwann ganz natürlich anfühlt.»

Dazu kommt, dass viele dieser Anekdoten über die irre Wokeness gar nicht stimmen oder extrem übertrieben werden. Jüngstes Beispiel dafür ist die vermeintliche Kontroverse um eine Jeanswerbung mit der Schauspielerin Sidney Sweeney. Die Werbung macht ein Wortspiel mit den Jeans und Genen, die auf Englisch gleich klingen. Das habe die irren Woken auf den Plan gerufen, die einen Shitstorm verursacht hätten, weil der Werbespot eugenisch sei. Wie allerdings Titus Blome in der ‹Zeit› darlegt, gab es diese Empörung gar nicht wirklich. Die ganze Geschichte ginge auf ein paar wenige kleine Accounts auf X zurück: «Diese versprengten Wortmeldungen wurden sodann von rechten Accounts mit Millionenfollowerschaft als Beweis für einen progressiven Backlash herangezogen und für eine Linke, die nun vollständig den Verstand verloren hat.» Das sei eine wunderbare Fallstudie für die politisch-kulturelle Dynamik unserer Zeit: «Genervt von den identitätspolitischen Exzessen und dem politischen Purismus der Linken hatte die Welt keine andere Wahl, als nach rechts zu rücken. Es ist eine Analyse, die rechte Politik auf seltsame Weise entmündigt: An linker Politik sind die Linken schuld und an rechter Politik sind ebenfalls die Linken schuld.» Tatsächlich werden die angeblichen Exzesse dieser Linken vor allem von Rechts zelebriert: «Niemand hat in den vergangenen Jahren so oft über das Gendern gesprochen wie Konservative und von niemandem hörte man so viel über militante Veganer wie von Markus Söder. All das geschieht unter massgeblicher Mithilfe etablierter Medien, deren Kolumnistenklasse lustvoll nach rechts blinkt, um einer vermeintlichen linksliberalen Hegemonie vor den Karren zu fahren, wobei sie seit jeher ihr sozioökonomisches Umfeld mit der Gesellschaft en gros verwechseln.» 

Das Ganze ist beileibe kein rein deutsches Phänomen, sondern überall und auch in der Schweiz zu beobachten. Gerne auch verbunden mit dem guten Rat, dass die Linke vielleicht erfolgreicher wäre, wenn sie Fremdenfeindlichkeit mit ökonomischem Populismus verbinden würde. Nur zeigt die Empirie durchwegs, dass dieses Angebot von den Wähler:innen nicht gesucht wird. Zuletzt beim Bündnis Sahra Wagenknecht, das den Einzug in den Bundestag verpasste. Oder im Moment in England, wo die Labour-Regierung mit aller Kraft versucht, die rechten Reform-Wähler:innen abzuholen, währenddessen ihre eigenen Wähler:innen sie gerade in Scharen zugunsten linkerer Parteien verlassen. 

Was wir hier sehen ist eine Art Perpetuum Mobile von extremen Stimmen auf Social Media, die eigentlich nur eine Minderheit vertreten, aber von den klassischen Medien in den Mainstream erhoben werden. Nun wäre die Frage, warum die Rechte überall Aufwind hat, eine durchaus inte­ressante. Die es lohnen würde, auch durchaus selbstkritisch auch als Linke zu debattieren. Aber dazu würde auch gehören, dass sich die Medien, gerade auch die klassischen, auch mal selber reflektieren könnten. Denn ob Fake News und Desinformation wirklich nur ein Problem der sozialen Medien sind, muss man sich mitunter wirklich fragen.