Sorge und Sorgen

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In einem Interview vor zwei Jahren mit dem P.S. meinte der Schriftsteller und Journalist Raul Zelik, dass einer der Grundirrtümer der bürgerlich-männlich dominierten Aufklärung die Vorstellung ist, das Individuum brauche keine sozialen Bindungen und Verpflichtungen: «Tatsächlich sind Menschen aber nicht nur soziale, sondern – wichtige Teile ihres Lebens – auch hilflose Wesen. Als Kinder, Kranke, Alte brauchen wir die ‹Sorge› (care) der anderen.» Die Frage ist aber, warum wir dieser Sorge eigentlich so wenig Wertschätzung entgegenbringen. Wir alle erinnern uns an diesen Moment während der ersten Welle von Corona, wie wir alle auf den Balkonen gestanden sind und fürs Gesundheitspersonal geklatscht haben. Es war berührend. Konkrete Taten – Fehlanzeige. 

 

Vor etlichen Jahren besuchte ich mit einer gemeinderätlichen Kommission Helsinki. Wir sollten uns dort über das finnische Schulsystem informieren. Nun kann ich mich nicht mehr ganz erinnern, ob dieser Satz, den ich zitieren werde, tatsächlich da gefallen ist, oder ob ich ihn sonst irgendwo gelesen habe, aber er ist mir auf jeden Fall geblieben. In Finnland, so führte in meiner Erinnerung eine Fachperson aus, gilt die frühkindliche Phase als pädagogisch sehr anspruchsvoll und darum hätten die Lehrpersonen, die kleine Kinder unterrichteten oder betreuten, ein sehr hohes Ansehen. Und zwar ein höheres als LehrerInnen, die grosse Kinder unterrichten. Das ist ein ganz wesentlicher Unterschied zu hierzulande, wo man das Gefühl hat, die Betreuung kleiner Kinder sei ein wenig spielen, basteln und singen und das könne eigentlich jeder. 

 

Warum also die Geringschätzung dieser elementaren Aufgaben? Der eine Grund liegt auf der Hand: Sorgearbeit ist vor allem Frauenarbeit. Und diese wird bekanntlich geringer entlöhnt. Es liegt aber auch daran, dass man gerade diese Arbeit eigentlich gar nicht in professionellen Händen sehen möchte. SVP-Kantonsrat Matthias Hauser meinte beispielweise in der Kantonsratsdebatte zu einem Vorstoss zu den Problemen von Kindertagesstätten während Corona-Zeiten, dass es ja gut sei, wenn die Eltern vermehrt ihre Kinder selber betreuen. Dieses Gefühl geht über konservative Kreise hinaus. Pflege und Betreuung von Kindern und Angehörigen ist eigentlich etwas, das am besten ist, wenn man oder in der Praxis eher frau es selber macht. Und so haben Frauen ein schlechtes Gewissen, wenn das Kind in der Kita ist, die Mutter im Pflegeheim und der Boden von der Putzfrau gewischt wird. Noch schlechter wird das Gewissen, wenn sich frau vergegenwärtigt, dass es sich hier meist um schlecht bezahlte Arbeitskräfte handelt, an die frau die Arbeit delegiert, die sie doch eigentlich selber machen müsste.

 

Ich habe dieses schlechte Gewissen nicht. Bei der Kita fällt es mir auch leicht: Die Mitarbeitenden da sind ja im Gegensatz zu mir pädagogisch ausgebildet. Es käme mir gar nicht in den Sinn zu glauben, ich könne das besser. Das Kind isst auch wesentlich mehr Gemüse als zuhause. Die Fremdbetreuung bietet also einiges, dass wir nicht bieten können. Etwas komplexer ist es bei dem Thema, das oft auch von linker Seite aufs Tapet kommt. Nämlich, dass ich meine Emanzipation der Unterdrückung von schlecht bezahlten Migrantinnen zu verdanken habe. Nun ist es tatsächlich ein Problem, dass die Berufe der Sorge und im Haushalt so schlecht bezahlt sind. Die Antwort ist aber nicht, dass man selber putzen und erziehen muss. Denn unser ganzes kapitalistisches System basiert auf der arbeitsteiligen Ausbeutung von schlecht bezahlten Arbeitskräften. Das Biogemüse, das mein Kind nicht essen will, wurde auch von schlecht bezahlten MigrantInnen in Spanien geerntet. Und das T-Shirt, das es nicht anziehen will, wurde von einer schlecht bezahlten Näherin in Bangladesh hergestellt. Es stört uns aber weniger, weil wir nicht das Gefühl haben, es sei Arbeit, die eh Frauen selber machen sollten. Weil klar ist, dass es ein systemisches Problem ist und nicht ein individuelles. Und das systemische Problem betrifft Männer und Frauen. 

 

Der zweite Grund für die Geringschätzung der Sorgearbeit liegt wohl in dem begründet, womit Zelik beginnt: Der bürgerlich-männlichen Vorstellung der Aufklärung, man müsse sich möglichst von seinen Bindungen emanzipieren. Der Starke ist am Mächtigsten allein. Die Vorstellung der eigenen Hilflosigkeit, der Angewiesenheit auf andere Menschen ist da unangenehm. Mit der eigenen Sterblichkeit, Verletzlichkeit und damit auch Schwäche konfrontiert zu werden, ist vielen unangenehm. 

 

Nun gibt es durchaus zaghafte Signale, dass vielleicht doch etwas gehen könnte. Zum Beispiel Kinderbetreuung. Da gehört es mittlerweile auch für Arbeitgeber oder bürgerliche Politikerinnen zum guten Ton, sich wohlwollend zu äussern. Nur bei den Taten hapert es noch. Da wird zu oft noch mit faulen Ausreden operiert. Auf Bundesebene heisst es, die Kantone sollen zahlen, diese verweisen auf die Kommunen. Und den letzten beissen die Hunde, wie so oft. Wer eine gute Betreuung will, muss auch bereit sein, dafür entsprechende Mittel zur Verfügung zu stellen. Vielleicht wäre es tatsächlich sinnvoll, hier grösser und universeller zu denken: Die Volksschule ist für alle Kinder offen und unentgeltlich. Sie wird nicht infrage gestellt und keiner hat ein schlechtes Gewissen, das Unterrichten nicht selber in die Hand zu nehmen (nach Corona sowieso). 

 

Ich hatte in dieser Kolumne oft Zweifel an den Fähigkeiten und an den politischen Zielen von US-Präsident Joe Biden geäussert. Doch muss ich an dieser Stelle zugeben: Er ist gut gestartet. Und seine Pläne gehen weit über das hinaus, was ich ihm zugetraut hätte. Insbesondere will er in seinem Investitionsprogramm zur Wiederbelebung der amerikanischen Konjunktur nicht nur Brücken, Leitungen und Strassen, sondern eben auch Pflege aufnehmen. Kinderbetreuung, Gesundheitsversorgung, Altenpflege und weiteres ist Infrastruktur. Sie muss möglichst allen in guter Qualität zur Verfügung gestellt werden. 

 

Zuweilen habe ich mich gefragt, ob heutzutage noch eine Volksschule gegründet, eine Eisenbahn verstaatlicht oder ein Mondflug geplant werden könnte. Ob überhaupt noch die Vorstellung da ist, dass es universelle Güter und Leistungen gibt und ob es nur noch darum geht, wem man was missgönnt.  Vielleicht sind das zu grosse Träume. Doch für bessere Arbeitsbedingungen und Löhne und mehr Mittel für die Sorgearbeit ist die Zeit reif, die Stimmung wäre da. Und das schlechte Gewissen gehört auch weg. Mindestens das.  

 

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